Details Neuigkeiten


 
22.06.10 14:13 Alter: 75 Tage

offener Brief an den KV Vorsitzenden Dr. Schmidt

 

Hinweis auf die prekäre und unbefriedigende Situation der niedergelassenen Hausärzte

Gemeinschaftspraxis

Dr. med. Stefan und Brigitte Schnack Dr. med.

Waltraud Lorenz

FA f. Innere u.ndAllgemeinmedizin – NHV –

Sportmedizin - Chirotherapie und prakt. Ärztin

FÄ f. Allgemeinmedizin

Schwarzkreuzstr. 1 - 86977 Burggen - Tel. 08860 / 8416 - Fax 08860 / 8409

e-mail:

 

 

Herrn Dr. Gabriel Schmidt

Stellvertr.Vorsitzender d. KV Bayerns Bayer. Hausärzteverband

Elsenheimer Str. 39

80687 München

 

 

Nachrichtlich: Bayer. Hausärzteverband, Praxisverbund Pfaffenwinkel, AOK-Bundesverband, DAK, Barmer-GEK, TKK, LKK-Oberbayern, diversen Betriebskrankenkassen;

 

 

O F F E N E R B R I E F

Sehr geehrter Herr Kollege Schmidt,

mit diesem Schreiben möchte ich Sie ganz kurz sensibilisieren für die prekäre und unbefriedigende Situation, in welcher wir Hausärzte uns derzeit befinden.

 

Ich bin seit nunmehr 15 Jahren niedergelassen als Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin im ländlichen Raum (Praxisort mit ca. 1800 Einwohnern, in der Umgebung z. T. Dörfer ohne eigenen Arzt). Meine wöchentliche Arbeitszeit beträgt regelmäßig zwischen 60 und 70 Stunden, wobei dies neben der Sprechstundentätigkeit auch Hausbesuche, Notfallbehandlungen und regelmäßige Bereitschaftsdiensttätigkeiten beinhaltet. Typischerweise werden wir vor Ort als primärer Ansprechpartner mit allen größeren und kleineren Wehwehchen konfrontiert, die unsere Patienten drücken. Dabei gilt es oft, unter Zeitdruck schwerwiegende Erkrankungen (neben den vielen Bagatellerkrankungen, die täglich zu versorgen sind) rechtzeitig zu erkennen und adäquat zu behandeln, bzw. die weitere Therapie und Diagnostik zu planen. Selbstverständlich versuchen wir auch vor Ort eine qualilfizierte Diagnostik im hausärztlichen Rahmen durchzuführen (welche neben der Sonographie des Abdomens und der Schilddrüse auch Ergometrien, Lungenfunktionsprüfungen, periphere Doppleruntersuchungen, Langzeit- EKG, Allergietestungen, Basislabor und proktologische Untersuchungen beinhaltet). Hinzu kommt das gesamte Spektrum der kleinen Chirurgie, wobei wir sicherlich pro Woche ca. 10 kleinere und größere Wunden primär versorgen, hinzukommen die zahlreichen sekundären Wundversorgungen. Die jüngsten unserer Patienten sind gerade einmal einige Wochen alt, die älteste von uns betreute Patientin nahezu 100 Jahre. Entsprechend groß ist auch das Spektrum der zu versorgenden Erkrankungen, wobei auch regelmäßig Notfallbehandlungen außerhalb der üblichen Sprechstundentätigkeit und am Wochenende (auch wenn wir keinen Bereitschaftsdienst haben) anfallen.

 

So wurde beispielsweise vergangene Woche von uns eine Patientin nach Sturz vom Pferd mit Schädelhirntrauma erstversorgt und per Hubschrauber in die nahe gelegene Unfallklinik weiter transportiert, Platzwunden versorgt, Dauerkatheter gelegt, ein Patient mit Myocardinfarkt und ein Patient mit Hirndrucksymptomatik akut behandelt, Blutdruckkrisen bewältigt und nebenbei auch zahlreiche psychisch dekompensierte Patienten betreut.

 

Um so erstaunlicher ist es, zu lesen, dass von einigen Kassen behauptet wird, die Hausärzte würden infolge der neuen und umstrittenen Hausarztverträge überbezahlt werden, wobei zudem oft noch Zweifel an der hausärztlichen Versorgungsqualität geäußert werden.

 

Angesichts der oben bereits kurz skizzierten medizinischen Herausforderungen, denen wir Allgemeinärzte uns zu stellen haben, erachte ich diese Aussagen mancher Kassen als äußert diffamierend und diskreditierend. Eigentlich würde ich hier eine klare Stellungnahme seitens der KVB zu Rehabilitierung der Allgemeinärzte erwarten.

Stattdessen aber werden wir neben neuen Kodierungsrichtlinien und unzähligen Formularen (Reha-Einleitungsanträge, DMP etc.) nun ab 01. Juli 2010 auch mit neuen Honorarermittlungsrichtlinien traktiert. Wer von uns soll denn neben dem zu bewältigenden täglichen Arbeitspensum (bei dem zunehmend die administrativen Tätigkeiten einen immer größeren Prozentsatz einnehmen) noch nachvollziehen können, nach welcher Systematik die Regelleistungsvolumen mit Morbiditätsquote und abgestaffelter Vergütung für bestimmte Leistungen inklusive Fallwertminderungsregelungen und Regelungen für Kapazitätsgrenzen berechnet werden? Und wer von uns hat angesichts der alltäglichen Arbeitsbelastung überhaupt Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, ob die gerade erbrachte Leistung im Sinne der erwähnten Regelleistungsvolumina wirtschaftlich ist (oder man gerade eine defizitäre Leistung erbringt)? Wieso hat es die KV bislang nicht geschafft, die von uns ehrlich erbrachten und geltenden Qualitätsmaßstäben sicherlich gerecht werdenden Leistungen auch leistungsbezogen zu bezahlen?

Es widerspricht doch jeglichen Kriterien der freien Marktwirtschaft, dass ein Unternehmer (was wir Ärzte ja sind, zumindest wird dies seitens der KV auch immer wieder unterstrichen) seine erwirtschafteten Leistungen nicht adäquat kalkulieren kann, da ihm ein verlässliches Instrumentarium hierfür fehlt. Wen wundert es denn da, wenn wir Hausärzte nun den endlich Dank des Bayerischen Hausärzteverbandes frei gemachten Weg der hausarztzentrierten Verträge mit den Krankenkassenverbänden wählen? Auch wenn einige dieser Verträge (z. B. mit den Ersatzkassen oder Betriebskrankenkassen) sicherlich nachbesserungsbedürftig erscheinen, so garantieren sie wenigstens eine kalkulierbare Einnahme und annähernd leistungsbezogene Vergütung. Hinzu kommt eine wesentliche Vereinfachung der Abrechnung: So erhalten wir beispielsweise nicht mehr als zwei Seiten Abrechnungsunterlagen bei dem meines Erachtens idealen Hausarztvertrag mit der AOK Bayern, währenddessen wir von der KV Bayern (mit inzwischen erheblicher Verspätung) regelmäßig Abrechnungsunterlagen erhalten, die ein ganzes Ringbuch füllen. Solange die KV Bayern es nicht versteht, diese elementaren, für uns Allgemeinärzte immens wichtigen Belange adäquat zu regeln und zu gestalten, muss sie sich nicht wundern, wenn ihre Akzeptanz zunehmend schwindet und ihre Existenzberechtigung per se in Frage gestellt wird.

 

Ich rufe Sie daher auf, der Realität ins Auge zu sehen und Ihre nicht hinzunehmende Boykottierung der für uns existentiellen Hausarztverträge umgehend einzustellen.

In diesem Sinne mit freundlichen kollegialen Grüßen aus Burggen

 

Dr. med. Stefan Schnack

Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin

dr.stefan.schnack@fam-schnack.de